Wednesday, November 9, 2016

Manifestation, Detektion und Attribution im Grünen Salon


Im Sommer 2016 wurde ich von der Sendung "alpha ARD Bildungskanal" eingeladen, über ein Thema meiner Wahl aus dem Bereich "meiner" Klimaforschung einen Vortrag für Laien zusammenzustellen und zu halten. Das Format war ungewöhnlich, nämlich 13:00 Minuten plus/minus 15 Sekunden, ohne Abbildungen, Tafel oder ähnliches. Ein reiner Textvortrag, bei dem ich nur Lese-Karten zur Erinnerung einsetzen durfte.  Ein enges Zeitkorsett, sprachliche Einfachheit und gedankliche Disziplin waren gefordert. Keine Krussedullen und kryptische Unverständlichkeiten.


Es gab einen Coach, der mich in der Vorbereitung unterstützte und mir mehrere Probevorträge abverlangte; auch wurde mein Vortragstext von der Redaktion durchgesehen, inwiefern zu schwierige Begriffe oder zu lange Satzkonstruktionen verwendet würden. 12 Worte sind genug!

Schlußendlich hielt ich mich vermutlich viel zu sehr an meinen Taktgeber, also meine Textkarten; andere machten das wesentlich eleganter und sprachen praktisch frei und kamen trotzdem nach ziemlich genau 13 Minuten an. Aber ohne diesen Taktgeber wäre ich wohl der Versuchung erlegen, zwischendrin immer noch ein paar Sätzchen und Erklärungen einzuschieben. So also etwas hölzern aber immerhin in der Zeit.

Präsentiert wurde das ganze am 14. September in der Berliner Volksbühne, im "Grünen Salon" - mit vielleicht 60 Zuhörern und dem Wissenschaftsjournalisten Jan-Martin Wiarda als Moderator. Neben mir gab es noch drei weitere Wissenschaftler, die so gefordert wurden. Gesendet wurde jetzt, am 8. November.

Ich hatte mir das methodische Thema "Manifestation, Detektion und Attribution" ausgesucht, das ich versuchte in der Arbeitsteilung der Münsteraner Tatort-Ermittler zu spiegeln: "Tod, Verbrechen, Täter?" Die Präsentation findet sich auf der Mediathek des Bayrischen Rundfunks; im Anschluß an den Vortrag gab es noch einen 10-minütiges Frage/Antwort-Austausch mit dem Publikum, der nicht im Fernsehen übertragen wurde, wohl aber in der internet-Version. Den Vortrag selbst habe ich auf Academia abgelegt.

20 comments:

Werner Krauss said...

Tolle rote Fliege. Allerdings stolpere ich über die Metapher, die diesen Vortrag zusammenhält. Ich zitiere:

"Kommissar Thiel verhaftet die Treibhausgase und sonst niemand."
"Oder in anderen Worten: Professor Börne und Kommissar Thiel haben den Tathergang geklärt und den Täter bestimmt. Was mit diesen Einsichten getan wird, entscheidet das Gericht, wobei die Ermittler als Sachverständige gehört werden. So verhält es sich auch bei der Bestimmung der Klimapolitik."

Und deshalb taugt die Klimapolitik auch nichts. Wer will am Sonntagabend einen Tatort sehen, in dem Kommissar Thiel das Messer im Rücken des Opfers verhaftet, oder das Arsen im Magen des Opfers? Ich bin da altmodisch, ich will den Mörder, der das Messer in den Rücken gestochen oder das Arsen in den Tee geschüttet hat. Oder soll das Gericht (also wir) etwa darüber entscheiden, ob die Messerfabrik in Solingen, aus der das Messer stammt, geschlossen wird? Mit Professor Börne und Kommissar Thiel als Sachverständigen? Lieber nicht. Ich befürchte allerdings, so wirklichkeitsfremd verhält es sich tatsächlich in der wissenschaftsbasierten Klimapolitik. Oder verstehe ich da etwas falsch?

Hans von Storch said...

Ja, Werner, Du verstehst da was falsch.

Werner Krauss said...

Ach so. Das ist ja gut zu wissen. Aber die rote Fliege, die ist dafür sehr lustig.

hvw said...

Aber sie steht Herrn von Storch doch. Besser als dem Riesenhuber seinerzeit, der ja auch immer mit Querbinder auftrat. Bill Nye auch. Gibt es da einen Zusammenhang?

Werner Krauss said...


Die Suche nach dem Ursprung führt direkt nach Entenhausen, würde ich mal meinen!

hvw said...

Spannend! Da wirkt also der Forschungsgegenstand des Donaldologen auf des Forschers Outfit. Ist das postmodern?

Gerhard Keller said...

1. Sind die Aerosole mehr für die regionale Temperaturentwicklung verantwortlich, oder verteilen sie sich - wie CO2 - weltweit einigermaßen gleichmäßig? - Konkret zur Temperaturentwicklung in Deutschland: Es ist auffallend, dass die Temperatur von 1950 bis 1987 keinen Trend zeigt. Von 1988 bis 2015 steigt sie "nach einem Sprung" nur leicht an, von 1998 bis 2015 ist der Trend wieder gleich 0. Bei den Wintertemperaturen Deutschlands ist sogar der 30jährige Trend bis 2015 gleich 0. - Ist der "Sprung" Ende der 1980er Jahre vielleicht dadurch zu erklären, dass in Westeuropa, insbesondere in der alten Bundesrepublik (in der ehemaligen DDR erst später), genau Ende der 1980er Jahre die ausgestoßenen Aerosole, insbesondere Schwefeldioxid, drastisch reduziert wurden (wohl innerhalb eines Jahres um 80%)?

2. Gibt es in der Klimageschichte nicht zahlreiche Belege dafür, dass die (globale?) Temperatur sich sehr rasch verändert hat, manchmal um mehrere Grad innerhalb weniger Jahrzehnte; z.B. bei den Schwankungen am Ausgang der letzten Eiszeit? (Auch von 1910 bis 1940 war ja der weltweite Temperaturanstieg recht stark.)

3. Stimmt es, dass an der norddeutschen Küste der Meeresspiegel steigt, weil sich dort das Land senkt ("Schaukeleffekt mit Skandinavien")?

4. Warum haben Sie in Ihrem Vortrag nicht die "Basis"-Klimasensitivität von CO2 erwähnt (1,1 Grad bei Verdoppelung der Konzentration)? - Spielt diese Größe nicht eine gut abgesicherte Rolle (neben den unklareren Rückkopplungen wie Wasserdampf, Wolken und Albedo)? - Gibt es eigentlich für die anderen Treibhausgase wie Methan und Lachgas eine "Basis"-Klimasensitivität wie beim CO2?

hvw said...

Effekt von Aerosolen aufs Regionalklima, Paleoklimavariabilität, isostatische Senkung, Klimasensitivität.

Ist das für einen Aufsatz im LK Geographie?

Hans von Storch said...

Sehr geehrter Herr Keller,
Ich bin nicht sicher, ob Sie tatsächlich offene Fragen haben oder ob sie als Frage verklausuliert Behauptungen aufstellen wollen. Daher zunächst meine Rückfrage, ob ihr dritter Aspekt im Sinne von "Sterben Menschen in Deutschland an Autounfällen?" formuliert ist. Auch wollen Sie bitte erklären, wieso ich in einem zeitlich begrenzten Vortrag über den Nachweis der Realität eines nicht natürlichen Klimawandels und seiner plausiblen Gründe auf der Basis von Daten unbedingt physikalische Theorie einbringen soll. Dazu weiß ich nicht was mit dem Wort "Basis" gemeint ist. Wenn es abzielt auf das, was ich vermute, wäre der Hinweis diesem Kontext nicht hilfreich.
Auf die beiden anderen Punkte werde ich gerne eingehen, wenn ich mich überzeugt habe, dass bei Ihnen ein ehrliches Anliegen nach Auskunft vorliegt und nicht nur rhetorische Fragen, für die Sie für sich selbst längst zwar falsche aber Ihnen ausreichende Antworten zurechtgelegt haben.

Gerhard Keller said...

Sehr geehrter Herr von Storch,

vielen Dank für Ihre Antwort! Meine Fragen waren selbstverständlich alle echt gemeint; und ich verstehe natürlich sehr gut, dass Sie in einem kurzen Vortrag auf viele Details nicht eingehen können. Ich habe es gewagt, diese Fragen einfach in einem Kommentar zu stellen, weil ich den Eindruck hatte, dass Sie als Fachmann durchaus auch den Austausch mit Laien suchen.

Frage 3 habe ich gestellt, weil ich dachte, dass Sie besonders gut in der Lage sind, sie zu beantworten, da es sich für Sie ja offensichtlich auch um ein Stück "Heimatkunde" handelt. Ich hatte in den letzten Jahren ab und zu was über diese Landabsenkung gehört oder gelesen, aber es ergab sich kein stimmiges Bild. Natürlich geht es dabei - wenn das eben möglich ist - um die Quantität (und nicht etwa um "verklausulierte Behauptungen" über den Meeresspiegelanstieg.)

Mit "Basis" habe ich die Klimasensitivität ohne die Berücksichtigung von Feedbacks gemeint, sozusagen das "Fundament" des Treibhauseffekts durch CO2. Und die Frage zu Methan und anderen Treibhausgasen stellt sich mir in diesem Zusammenhang eigentlich ganz automatisch.

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, sind Sie erfreulicherweise bereit, die Fragen 1 und 2 zu beantworten. Wenn ich nicht gespannt auf die Antworten wäre, hätte ich sie nicht gestellt.

222mozart said...

Herr Keller,
die von Ihnen als Basissensitivität" genannte Klimasensitivität des CO2 beträgt 1°. Einschließlich der Rückkopplungen mit Methan und Wasserdampf beträgt sie 3°. Andere Rückkopplungen wie tauende Eisschilde sind nicht enthalten. Die Klimasensitivität bezieht sich auf eine Verdoppelung des vorindustriellen CO2-Gehaltes der Atmosphäre von 280 ppm auf 560 ppm. Derzeitig beträgt er 400 ppm, wir werden in diesem Jahr eine Rekordtemperaturerhöhung gegenüber 1880 von 1,2° haben, der höchste Wert seit mindestens 120.000 Jahren.

Hans von Storch said...

Herr Keller, sie haben mich noch nicht überzeugt - weil Sie ja gar nicht geantwortet haben. Warum sollte auch in meinem Vortrag die "Basis"-Sensitivität einfügen? Was ist für die "Manifestation, Detektion und Attribution"-Argumentation an diesem Begriff signifikant, dass er in dem Beitrag hätte gebracht werden sollen? Probieren sie es noch mal, bitte.

222mozart - Die Antwort "Sensitivität ist 3 Grad" ist ziemlich sicher falsch, weil sie möglicherweise 3.057 Grad ist oder 4.53 Grad oder 2.45 Grad. Vielleicht sogar 7.000003 Grad. Ihr Vorbringen von Statements ohne jeden Vorbehalt ist genau das, was wir nicht brauchen und was die elende Polarisierung hervorbringt. Also auch an Sie: probieren Sie es noch mal, bitte.

Ich denke, Herr Keller und 222mozart könnten Brüder (oder Schwestern) im Geiste sein, allerdings ist Herr Keller ist etwas geschickter im Verteilen seiner Statements, so elegant von der Seite, während 222mozart eher etwas Panzerartiges an sich hat. (Achtung: Metapher.)

Gerhard Keller said...

Herr von Storch, bisher hätte ich eher gedacht, dass bei der Thematik, um die es geht, eher Sie ein Bruder im Geiste sind. Aber Ihre Reaktionen sind doch eine lächerliche Zumutung. Wollen Sie tatsächlich Gesprächspartner, die so tief sinken, sich das gefallen zu lassen?

Freddy Schenk said...

Inhaltlich und didaktisch sehr gelungener Vortrag. Aus den Zuschauerfragen kann man schließen, dass sowohl Inhalt wie auch die Tatort-Metapher verstanden wurden.

@Werner: Ad hoc erschließt sich mir nicht, wieso CO2 hier nur das Tatwerkzeug aber nicht der Täter sein soll; es heißt nicht umsonst CO2-forcing oder radiative forcing etc. Um im Bilde zu bleiben: Ich glaube nicht, dass Hans hier die Klimasünder einsperren lassen wollte (bei anderen ist man sich da weniger sicher).

Freddy Schenk said...

@222mozart: Wie Hans schon erwähnt hat, gibt es so einen Wert nicht. Selbst der Range ist alles andere als solide abgeschätzt. Sie können sich ja bei Gelegenheit hier ihren Lieblingswert aussuchen: Klimasensitivität Sammelbox

Anonymous said...

@ Freddy

Genau wo wenig, wie sich ein Messer von alleine in die Brust des Opfers rammt, geht das CO2 von alleine in die Atmosphäre.

Der Klimaforscher war also eher der Forensiker, der unter vielen möglichen Messern das Tatmesser gesucht und gefunden hat. Forensische Arbeit gilt aber als langweilig, vielleicht war Hans' Metapher deshalb gar nicht so schlecht.

Andreas

Hans von Storch said...

Andreas, darf ich darauf aufmerksam machen, dass der Vorgang doch komplexer ist - Gibt es Sachverhalt? Ist es ein Verbrechen? Und dann - am Ende - welches war das Tatwerkzeug?. Sie haben mit Ihrem Bild den Vorgang verkürzt - der Zweck des Vortrages war aber, die Folge der Schritte darzustellen, die die Wissenschaftliche Qualität der IPCC Aussage: "Klima ändert sich derzeit vor allem wg sich erhöhender GHG-Konzentrationen" ausmacht. Das war ja eine Wissenschaftssendung und nicht das Wort zum Sonntag, das uns die Welt erklärt.

Anonymous said...

Hans, ich wollte ihr Bild nicht kritisieren. Ihr Auftrag war, über den wissenschaftlichen Aspekt zu referieren, und das haben Sie auch gut gemacht.
Werner geht gedanklich schon den nächsten Schritt und interessiert sich für den Menschen.

Mich haben die Fragen von Herrn Keller gewundert, weil ich dachte, den wissenschaftlichen Teil der Klimadebatte hätten wir hinter uns, nun streitet man über die Klimapolitik. Ist das nicht auch spannender? Der Mensch bohrt ja nicht aus Boshaftigkeit das Messer langsam immer tiefer in die Brust.

Grüße,
Andreas

Freddy Schenk said...

"Genau wo wenig, wie sich ein Messer von alleine in die Brust des Opfers rammt, geht das CO2 von alleine in die Atmosphäre."

Die Frage ist doch aber hier nicht, wie das CO2 in die Atmosphäre kam - das ist ja generell unstrittig - sondern ob das CO2 für die Temperaturerhöhung verantworlich ist, d.h. ob die actio "mehr CO2" zu reactio "wärmer" führt.

Wenn sie den Schritt "Mensch erhöht CO2" mit einbauen, haben sie natürlich Recht, dann wäre das CO2 das Werkzeug. Dann wäre es aber fahrlässige Tötung, da das CO2 ja nicht bewusst erhöht wurde. Typisch akademische Spitzfindigkeiten eben, die das eigentliche Problem nicht bespricht und zu weiteren Trump/AfD-Wähern führt. Wer ist hier dann eigentlich Opfer, Täter und Werkzeug?

Werner Krauss said...

Freddy,

Sie politisieren. Aber das ist vielleicht unvermeidlich, auch HvStorch redet ja nur im Mittelteil seiner Rede über Wissenschaft, der Rest ist "Welterklärung". Man betrachte nur einmal die Rahmung der Geschichte: es wird ein dummer Alarmist eingeführt, dann folgt eine pauschale Medien- und Politikerschelte. Vor diesem Hintergrund erst tritt die von Interessen freie, völlig unabhängige Wissenschaft auf, die sauber Emissionen von Verursachern trennt. Das können Sie so nachlesen auf dem Academia link.

Das ist keine zufällige Setzung, sondern ein routiniertes Mittel, sich in der Klimadebatte zu positionieren und andere zu diskreditieren bzw. auszuschließen. Am Schluss gibt es noch Demokratieunterricht: die Bürger sollen im Prozess der demokratischen Meinungsbildung entscheiden. Zwei Zeilen weiter sind es allerdings die Gerichte, die entscheiden. Demokratie ist offensichtlich ebenfalls sehr komplex.

Man kann diesen ja in Bezug auf Manifestation, Detektion und Attribution sehr informativen und gehaltvollen Vortrag eben auch daraufhin lesen, wie er gemacht wird, wie Wissenschaft inszeniert wird, und welches Bild von Gesellschaft, Demokratie und Wissenschaft darin entworfen wird. Meiner Meinung nach handelt es sich dabei nicht um irgendwelche "akademischen Spitzfindigkeiten", sondern um die Fähigkeit zur kritischen Meinungsbildung. Auch das ist für die jungen Menschen wichtig zu lernen: auch Experten kommen ohne politische Rhetorik nicht aus, und sie agieren nicht im luftleeren Raum. Lädt man einen anderen Experten ein, wird man vielleicht eine andere Rahmung bekommen, ohne dass es Unterschiede im Hinblick auf die wissenschaftliche Methode der Attribution etc. gibt.