Friday, April 2, 2010

Auf Deutsch: Politik und Wissenschaft

Anbei eine Einführung für einen Vortrag von mir - über kritische Kommentare dazu würde ich mich freuen -- Hans von Storch

Politik und Wissenschaft sind verschiedene gesellschaftliche Prozesse. Sie unterliegen gesellschaftlichen Dynamiken und impliziten kulturelle Steuerungen, aber sie haben verschiedene Aufgaben und Regeln. Politik ist wertgetrieben, ist Ausdruck des Abgleichs von Interessen und Weltsichten, während Wissenschaft idealerweise versucht, werte- und interessenfrei Sachverhalte zu analysieren. Um dauerhaft erfolgreich zu sein, müssen beide gesellschaftlichen Praxen nachhaltig gestaltet werden; geschieht dies nicht, verlieren beide Akteure ihr Potential, für akzeptablen Ausgleich zu sorgen, und akzeptable Wissensbasen bereit zu stellen.

Im Falle der Klimapolitik/forschung ist von der Norm der Nachhaltigkeit verletzt worden – Teile der Klimaforschung versuchen, eine normativ motivierte Umweltpolitik mithilfe geeigneter Szenarien durchzusetzen, während die herrschende Klimapolitik vorgibt, dass gesellschaftliche Präferenzen keine Rolle mehr spielen können wegen wissenschaftlich legitimierten Notwendigkeiten.

Das Scheitern von COP-15 und die gleichzeitige Erosion des Vertrauens in die Klimaforschung überraschen daher nicht; es gilt die ursprüngliche Rollenverteilung wieder herzustellen – mit der Wissenschaft als "ehrlichem Makler".

7 comments:

Richard Tol said...

I would not blame the Copenhagen failure on the undue mixing of politics and science. Copenhagen would have failed anyway, because none of the key parties was ready to commit to climate policy.

I would add something as follows. People like Jones, Mann, Rahmstorff regularly complain about the way they are being treated. In fact, they get the same treatment as any politician: questioning of motives, name-calling, threats. The lay public sees climate researchers as political actors, and treats them accordingly.

P Gosselin said...

I think this is a good and rational response to some of the overheated and destructive reactions we've seen recently.

My view is that COP 15, a political endeavour, failed because science found a way to get mixed in. Science played an important and useful role here. That was good. Science is a cure for bad politics.

And somehow a way has to be found to prevent politics from buying "scientific" results.
The funding of climate science is its terminal disease. I hope that serious politicians will begin looking at this.

Science is about truth. If one suppresses truth, then science is no longer possible - it dies and we then get thrown back to the Dark Ages. It's got to be an open and transparent process. THIS IS WHAT IT IS ABOUT.

I'm optimistic. The demands for transparency are growing and the debate is only just beginning.
We have seen that a gentleman and an old laptop are plenty to move mountains.

Hans von Storch said...

Copenhagen failure - I meant it this way: The strategy, which was supposed to be implemented at COP-15 as a binding international agreement, was presented to the public and to political actors as solution-with-no-alternative, authorized by Science itself. And not as a result of a political process based on options, choices, values and negotiations.

Reiner Grundmann said...

Hans
"Teile der Klimaforschung versuchen, eine normativ motivierte Umweltpolitik mithilfe geeigneter Szenarien durchzusetzen..."

Politik ist immer normativ.
Es ging diesen Wissenschaftlern darum einen Vertrag zu erreichen, der ihre Ziele wenigstens nominell aufnimmt. Dies war hohe symbolische Politik, wo es fast schon gleichgültig war, was genau im Vertrag vereinbart wird, Hauptsache alle unterschreiben. Es wäre auf CO2 Märkte hinausgelaufen... Und dies wäre als Sieg gefeiert worden.

Richard: good point, I would add that the difference to real politicians is that they know when to retreat and apologize. Imagine a politician digging in and digging in... He would be forced to resign by his fellows in order to stop the erosion. But Mann, Rahmstorf et al continue stubbornly, denying any problem with their approaches.

Harald said...

Der Klimawandel bietet sich an, das Verhältnis von Wissenschaft zur Politik explizit zu thematisieren und vielleicht klarer zu strukturieren.

Thesen:
1. Es ist wünschenswert, dass wiss. Erkenntnisse im politischen Prozess berücksichtigt werden.

2. Wenn wiss. Ergebnisse und deren Interpretation durch Wissenschftler im politischen Prozess als absolute Wahrheiten, die über den Interessen der anderen Akteure stehen, anerkannt werden, zieht das eine Menge Probleme nach sich, z.B: Möglicher bias entsprechend den Interessen der scient. community, oder zumindest der Verdacht darauf; politisch motivierte Angriffe auf die Wissenschaft, die weder willens noch in der Lage ist, auf Propaganda professionell zu reagieren ("Climategate"), etc.

3. Wenn Wissenschaftler sich darauf beschränken, Wissenschaft zu treiben, werden ihre Erkenntnisse im polit. Prozess nicht adäquat berücksichtigt.
Ein Beispiel: Rachel Carson's "Silent Spring" (1962) hat die öffentliche Aufmerksamkeit zum ersten Mal auf das Problem der Umweltverschmutzung mit toxischen Chemikalien gelenkt. Diese Buch hat die Politik nachhaltig beeinflusst und die Umweltschutzbewegung mitbegründet. Das Buch ist das Gegenteil einer wiss. Publikation: Reader's Digest Stil. Allerdings mit Tatsachenbehauptungen, die allesamt solide wiss. untermauert waren. Die Tatsachen waren den Chemikern und Biologen bekannt, aber als ordentliche Wissenschafter haben sie sich nicht darum gekümmert, die Politik oder die öffentliche Meinung zu beeinflussen.

4. Eine Lösung des Dilemmas liegt vielleicht in der Etablierung einer Platform, die "die Wissenschaft" im politischen / gesellschaftlichen Kontext vertritt. Als ein Gleichberechtigter Akteur unter allen anderen gesellsch. Gruppierungen, mit wertvollem Spezialwissen ausgestattet, aber auch von eigennützigen Interessen beeinflusst, die dann nicht geleugnet werden müssen.

Olaf said...

Selbst wenn Wissenschaft die Rolle eines "ehrlichen Maklers" einnehmen könnte wie v. Storch fordert, so gehören zur Wiederherstellung des gesellschaftlichen Gleichgewichts noch andere gesellschaftliche Akteure: Medien, Politik und die Öffentlichkeit.

Die Rolle der Medien wird im Artikel leider gar nicht erörtert. Dabei wurde laut einer Angabe im Buch "Climate Challenge" (http://www.earthfuture.com/theclimatechallenge/) in 0% der Aufsätze in wiss. Journals aber in 53% der (amerikanischen) Presseberichte (2004-2009) angezweifelt, dass der Klimawandel anthropogene Gründe habe. Viele der teilweise haarsträubenden Presseberichte hängen mit einem dramatischen Qualitätsverlust der Medien zusammen. Oft werden aus Mangel an Zeit, Geld und Wissen Berichte aus zweifelhaften Quellen ungeprüft übernommen. Eigentlich sollte es Rolle der Medien sein, als "ehrlicher Makler" zu agieren - diese sehe ich mindestens so sehr in der Pflicht wie die Wissenschaft.

Schliesslich ist auch die Politik lange nicht mehr so unabhängig wie nach dem Grundgesetzt vorgesehen. Nur ein Beispiel für den Lobbyismus ist die leider noch immer vorkommende Tatsache, dass Unternehmen Mitarbeiter an Ministerien ausleihen, die dort u.U. Einfluss auf die Ausarbeitung von Gesetzvorlagen etc. nehmen können.

Ich habe den Eindruck, hier werde oft mit zweierlei Mass gemessen: An die Wissenschaft werden(zu Recht!)extrem hohe Massstäbe angelegt - Journalisten und Unternehmen können sich dagegen alles erlauben, von offenkundiger Manipulation, Fehlinformation, in Extremfällen bis hin zur Bestechung, ohne dass ein gesellschaftlicher Aufschrei erfolgt. Solange nicht das gesamte System aus Medien, Politik, Wissenschaft und Öffentlichkeit wieder ins Lot kommt, wird auch "die Wissenschaft" keine neutrale Rolle finden können.

Peter Heller said...

Hallo Herr von Storch,

keine Kritik meinerseits. Nur Zustimmung. Ihre Formulierung bringt das aktuelle Problem auf den Punkt.

Ich selbst habe es letztens folgendermaßen beschrieben:

"Wissenschaft und Politik sind aber zwei völlig verschiedene Dinge. Während in der Forschung werte- und interessenfrei Vorgänge in der Natur analysiert werden, ist Politik die Kunst des werte- und interessengetriebenen Ausgleichs zwischen unterschiedlichen Ansichten. Es gibt daher keine Zwangsläufigkeit, durch die aus naturwissenschaftlicher Forschung politisches Handeln folgt. Man kann aus der Kernphysik keine Argumente gewinnen, die für oder gegen den Einsatz von Kernenergie sprechen. Und Ideen, nach denen sich Gesellschaftspolitik an der Evolutionstheorie anzulehnen hat, haben wir hoffentlich überwunden. Es gibt eben auch keine direkte Verbindung zwischen der Erforschung der Prozesse, die unser Klima gestalten und der Energie- oder Umweltpolitik. Wer auch immer anderes behauptet, handelt nicht als Wissenschaftler, sondern als Politiker."

(aus einem Interview, erschienen bei freiewelt.net)

Die Frage ist jetzt nur, was man daraus schlußfolgert. Ich vermute mal, daß wir uns hinsichtlich der Schlußfolgerungen nicht mehr einig sind.

Ich würde mich daher sehr freuen, wenn Sie irgendwann einmal hier den kompletten Vortrag inklusive Ihrer Beschreibung der Rolle des "ehrlichen Maklers" einstellen würden.

@ Olaf:

Ich habe einen völlig anderen Eindruck. Nämlich, daß über Jahre hinweg viel zu unkritisch über Wissenschaft berichtet wurde. Gerade die Interpretationen der Ergebnisse der Klimaforschung erschienen als derart sakrosankt, daß eben nun der kleinste Irrtum ausreicht, ein Beben auszulösen.

Hätte man seitens der Medien (und auch der Politik) die Arbeit bspw. des IPCC von Beginn an kritischer begleitet, wäre climategate niemals ein solcher Skandal geworden. Und es wäre die Glaubwürdigkeit der Forschung niemals so in Abrede gestellt worden, wie heute.

Es gäbe dann natürlich auch keinen Alarmismus, bzw. er hätte nicht den Einfluß, den er heute hat.

Und es gäbe keine Skeptiker, die weltweite Berühmtheiten hätten werden können...

All das hat sich "die Wissenschaft" also selbst zuzuschreiben. Man war nicht selbstkritisch und zurückhalten genug, man war zu berauscht von der eigenen Bedeutung.

Die Regeln des Showgeschäftes nutzen zu wollen heißt, sich darüber im klaren zu sein, daß Medien sowohl den Aufstieg, als auch den Fall ausschlachten werden. Wenn man sich dem nicht beugen mag, sollte man nicht ins Showbusiness einsteigen.