Monday, December 3, 2012

Geden in der NZZ: Für mehr Realismus in der Klimapolitik

Heute in der NZZ zu lesen:

Seit 20 Jahren verhandeln Regierungsvertreter aus aller Welt über den Klimaschutz. Doch die Bilanz fällt ernüchternd aus. Die Treibhausgasemissionen steigen stetig weiter an. Die erreichten Vereinbarungen hingegen fallen äusserst schwach aus. Im Umfeld der jährlichen Gipfeltreffen vollzieht sich das immergleiche Ritual. In den Wochen vor der Konferenz warnen zahlreiche Studien drastisch vor den Folgen des Klimawandels. Kurz vor Beginn mahnen Wissenschafter und Politiker zur Umkehr. Zu Beginn des Verhandlungsmarathons macht sich dann bald Ernüchterung breit. Zum Ende der zweiwöchigen Konferenzen aber entwickelt sich doch noch eine gewisse Dramatik. Oft können die ehrgeizigeren Staaten eine Gipfeldeklaration durchsetzen, an die sich neue Zukunftshoffnungen knüpfen lassen, etwa ein ambitioniertes Klimaziel oder ein neuer Verhandlungszeitplan. Anschliessend rückt das Thema auf der politischen Agenda wieder nach unten.
...Wenn die Phase der Untätigkeit dereinst überwunden sein wird, dürften deshalb vor allem zwei Politikansätze attraktiv sein, die schnelle Wirkung versprechen: Anpassung und Geo-Engineering.

4 comments:

Werner Krauss said...

Schöner und kluger Beitrag, der am Schluss allerdings zu zaghaft bleibt, wie ich finde. Mir gefällt der Fokus auf demokratische Verfahren, die nicht nur realistischer, sondern vor allem effektiver sind als die Sehnsucht nach der "großen Lösung":

"Sollte sich aber ein Verständnis durchsetzen, das Klimawandel nicht länger als das eine grosse Weltproblem begreift, sondern vielmehr als anhaltende und amorphe Problemlage, mit deren Folgen man besser oder schlechter umgehen kann, würde dies den Fokus auf Anpassungsstrategien lenken. Im Zentrum ginge es dabei um die Begrenzung der regional spezifischen Klimafolgen. Dies entspräche einem klassischen Modus westlicher Demokratien, dem einer schrittweisen, allenfalls mittelfristig orientierten Steuerung."

Das ist auf jeden Fall richtig und passt punktgenau zumindest auf ein Land wie Deutschland. Allerdings: warum Regionalisierung der Problematik auf Anpassungsstrategien begrenzen? Auch die erneuerbaren Energien und technischen Innovationen zur Emissionsreduktion kommen aus den Regionen. Und von dort kommen auch die Wähler, welche in Demokratien auch einen Einfluss auf die Politik haben. Eine solche Regionalisierung bedeutet auch Demokratisierung von Klimapolitik und ist eine gute Idee, wie ich finde, und keineswegs das Gegenteil einer globalen Lösung - es kommt nur darauf, wie man Globalisierung denkt: als einen Prozess, der zentral von oben gesteuert werden muss, oder als eine multiple und sich ständig ändernde Vernetzung von Regionen und Technologien. Letzteres geschieht ja teilweise schon zum Beispiel unter großen Städten und ist eine mindestens so pragmatische Herangehensweise wie die autoritären Träume von einer Weltregierung, die ein für alle mal Schluss macht mit dem Klimaproblem.

Das Klimaproblem zwingt uns immer wieder unsere Vorstellungen von Demokratie, Globalisierung und der Welt, die wir bewohnen, zu überdenken. Sonst retten wir oder verzweifeln an einer Welt, die nur in unseren Köpfen existiert - und das wäre nun mal wirklich verschwendete Energie. Olivers Artikel ist ein solcher Beitrag auf einem Weg zu einem größeren Realismus, finde ich.

Anonymous said...

Respekt vor O. Geden, toller Text.
Gedens Nadelstiche in die Seifenblase des honigsüßen 2°-Ziels gefallen mehr, er spricht Dinge aus, vor denen sich die Politik drückt, selbst das Tabuwort "Geoengineering" fällt.

Eine Sache wollte ich beim Lesen anmerken, um am Ende festzustellen, dass Geden es wiederum selbst anspricht:
"Bei diesen beiden Grundtypen einer pragmatischen Klimapolitik handelt es sich nicht eben um attraktive Zukunftsvisionen."

Wer träumt schon vom Spatzen in der Hand?

Eine Anregung hätte ich dann aber doch noch für Geden:

Mir scheint, er sieht den UNFCCC-Prozess zu statisch. Klar, so wie es momentan strukturell organisiert wird, wird wohl kaum ein globales Abkommen herauskommen. Aber sollte man nicht ein paar Gedanken darüber verschwenden, ob man diesen Prozess nicht reformieren kann?

Muss Einstimmigkeit zementiert sein?
Muss alles auf Basis von freiwillig, selbst gesteckten Zielen ablaufen?
Warum nicht über Sanktionsmechanismen diskutieren, falls Staaten eine Klimapolitik verweigern? Eine Erlaubnis, Importzölle für Gütern aus Ländern zu erheben, die ein "Klimadumping" betreiben, könnte schon viel bewirken (und die Welthandelsorganisation kennt solche Zölle für andere Formen des Dumpings bereits).

Bevor ich mit dem Spatzen nach Hause gehe, würde ich gerne Alternativen testen, wie man mit anderen Methoden womöglich doch noch die Taube bekäme.

Andreas

Reiner Grundmann said...

Oliver Geden erwähnt in Bezug auf Geo-engineering Strategien die Beeinflussug der Sonneneinstrahlung durch Schwefelpartikel. Das kann man durch Kohleverbrennung erreichen. Darin steckt eine gewisse Ironie indem man mit der schmutzigsten und billigsten Energiequelle weitermacht.

Es gibt aber auch Methoden der CO2 Absorption, die zum Teil heftig gehypt werden, man google nach Lackner + CO2. Hier ist ein paper von ihm. Diese Methode hätte den Vorteil dass keine Nebeneffekte in der Umwelt auftreten (Luftverschmutzung, Übersäuerung der Ozeane).

Einige Anhänger von Nuklearenergie wollen den gegenwärtig dominanten Leichtwasserreaktor durch sicherere Designs ablösen, siehe zum Beispiel hier.

In beiden Fällen ist der Zeitfaktor entscheidend. Es wird mindestens zwei Jahrzehnte dauern bis diese Technologien einsatzfähig sind. Das bedeutet wohl, dass in der Zwischenzeit mit dem weitergemacht wird was man hat. Spatzen eben.

Die Rolle der Energiepreise für verschiedene Energiequellen ist eine ganz entscheidende Variable, an der noch so viel 'politischer Wille' nicht vorbeikommt. Im Moment haben Gas und Kohle den Vorteil.

Ich weiss, man soll keine Prognosen aus der Hüfte abfeuern. Wenn die oben erwähnten Aspekte stichhaltig sind, wir sich aus dem Dreigestirn von Mitigation, Anpassung und Geo-engineering die Anpassung in den kommenden Jahren in den Vordergrund schieben.

Anonymous said...

Reiner Grundmann

schwefelhaltige Aerosole werden doch heute schon in rauen Mengen in die Atmosphäre durch Kohleverbrennung injiziert, nur die wenigsten Anlagen in Indien oder China verfügen über Rauchgasentschwefelung.

Das ist der faustian bargain.

Unser Kommentator Karsten ist Aerosolspezialist, vielleicht hat er ja Lust, darüber etwas zu erzählen.

Andreas